Wann hast du das letzte Mal ein Album ganz bewusst als Gesamtkunstwerk am Stück gehört, ohne nebenbei zu scrollen, Mails zu beantworten oder den Raum zu verlassen?

Für mich ist Musik Lebenselixier. Ich bin mit Funk und Soul aufgewachsen. Bei uns zu Hause lief immer Musik. Meine Eltern hörten sie ständig – ob bei den Vorbereitungen, wenn wir Gäste erwarteten, oder einfach beim Aufräumen der Wohnung. Bestimmte Songs sind für mich wie eine Zeitmaschine, die mich sofort in Erlebnisse von damals zurückkatapultiert: das erste Mal Verliebtsein mit George Michaels Father Figure, die erste große Liebe mit Cat Stevens und seinem Album Tea for the Tillerman, der Auszug von zu Hause und meine Ausbildung am Bodensee, die fest mit dem Album von Rapper Nas verbunden ist. Meine Zeit in der ersten und einzigen eigenen Band wurde von der wunderbaren Aretha Franklin begleitet, die ich rauf und runter hörte. Und es gibt diese lebenslangen Begleiter, die mich durch jede Phase getragen haben: Prince, Womack & Womack, das Album Mamani von Joy Denalani und immer wieder D’Angelo.

Doch in wem ich mich damals wirklich wiederfand, war Curse mit seinem Album Von Innen nach Außen aus dem Jahr 2001. Diese Musik war meine Therapie. Ein Jahr später, 2002, stand Curse plötzlich direkt neben mir im Publikum bei einem D’Angelo-Konzert in einem Hamburger Club. Wir konnten beide unser Glück kaum fassen, diesen atemberaubenden Künstler aus den USA hautnah spielen zu sehen. Mein Glück war perfekt – und dieser Abend veränderte alles. Kurz darauf reichte ich die Scheidung von meinem ersten Mann ein. Nein, weder Curse noch D’Angelo hatten etwas damit zu tun, aber dieses Konzert brachte etwas zurück, das ich in den Jahren einer sehr schwierigen Ehe verloren hatte: mich selbst.

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Heute zelebriere ich Musik wieder richtig. Ich habe digitale Playlists auf den Streamingplattformen fast komplett verbannt. Stattdessen nehme ich mir wieder die Zeit für ganze Alben. Ich entscheide mich ganz bewusst für einen Künstler und höre einfach zu. Ein wunderbares Ritual ist dabei auch der Plattenspieler geworden, den mein Mann mir geschenkt hat. Beim bewussten Hören entdecke ich plötzlich Passagen in Liedern, die mir früher nie aufgefallen sind, und schätze die Kompositionen und feinen Raffinessen, die ich jahrelang überhört habe.

Ich genieße Musik wie noch nie

Das Beste daran ist: Ich genieße Musik heute so intensiv wie noch nie, weil ich sie zum ersten Mal ganz nüchtern erlebe. Früher habe ich dabei immer getrunken oder gekifft. Musik heute ganz pur, völlig ohne Rausch zu erfahren, ist eine ganz neue, tiefgreifende Erfahrung. Es haut mich jedes Mal aufs Neue um, wie sehr Musik einen berauschen kann – ganz ohne Substanzen, einfach nur durch den reinen Klang.

Nimm dir für das kommende Wochenende doch mal ein Album deiner Lieblingsband. Leg das Handy weit weg, schließ die Augen und hör einfach nur zu. Lass dich ganz ungefiltert von den Klängen tragen.

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